Wir werden uns selbst neu erschaffen – wiens düsterer blick auf die digitale transformation
„Wir müssen uns selbst so verändern, dass wir in dieser Umgebung existieren können.“ Norbert Wiener, 1959. Eine Beobachtung, die heute so schmerzhaft zutrifft wie vor einem halben Jahrhundert.

Die zivilisation im digitalen wandel
Die Aussage des amerikanischen Mathematikers und Kybernetikers Norbert Wiener, formuliert vor der Erfindung des Internets, ist mehr als nur eine nostalgische Reflexion. Sie ist eine düstere Diagnose unserer Zeit. Wir haben unsere Umwelt so fundamental verändert, dass wir uns selbst neu definieren müssen, um in dieser neuen Realität bestehen zu können. Ein Prozess, der weit über die bloße Vereinfachung des Lebens hinausgeht.
Wiener sprach nicht von Maschinen im engeren Sinne. Er meinte die gesamte Menschheit, ihre Anpassungsfähigkeit und die transformative Kraft der Technologie. Es geht längst nicht mehr nur darum, den Alltag zu erleichtern. Die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung ist schwindelerregend und löst bei vielen Menschen zunehmend Zweifel. Ist dieser unaufhaltsame Fortschritt wirklich ein Segen?
Obwohl Wiener nicht im gleichen Rang wie Einstein gilt, wird er als Vater der Kybernetik betrachtet – ein Begriff, der heutzutage oft mit futuristischen Robotern oder Science-Fiction-Szenarien assoziiert wird. Doch Wiens ursprüngliches Konzept war weitaus umfassender. Es beschreibt, wie Systeme – sei es ein Lebewesen, ein Mensch oder eine Maschine – Informationen verarbeiten, reagieren und sich an ihre Umgebung anpassen. Ein Prinzip der Rückkopplung, das bis heute Gültigkeit besitzt.
Die Verbindung zur heutigen digitalen Welt ist frappierend. Das Internet, soziale Netzwerke, die Automatisierung – all diese Entwicklungen basieren auf Wiens Prinzipien der Selbstregulation und des Informationsaustauschs. Er prophezeit bereits 1948 in seinem Buch „Cybernetik“ – Or Control and Communication in the Animal and the Machine – eine Zukunft, in der vernetzte Systeme ständig Daten austauschen und sich gegenseitig beeinflussen. Er sah die Entwicklung des Internets, die moderne Automatisierung und einen Großteil der heutigen Künstlichen Intelligenz bereits Jahrzehnte im Voraus.
Doch mit seiner düsteren Vision kam auch eine Warnung. Die Geschwindigkeit, mit der wir uns an die digitale Welt anpassen, könnte unsere menschliche Identität selbst in Frage stellen. Die Frage ist nicht, ob wir die Technologie verstehen – die Antwort ist bereits programmiert. Es geht darum, wie wir mit ihr leben, welche Werte wir bewahren und welche Konsequenzen wir tragen wollen. Die Antwort liegt vielleicht nicht in der Umarmung der Technologie, sondern in der bewussten Gestaltung unserer Zukunft.”n